Leben nach dem Trauma – warum wir ein wichtiges Buch neu aufgelegt haben
Das Buch Leben nach dem Trauma von Willi Butollo und seinen Mitautorinnen war über längere Zeit nicht mehr erhältlich. Für uns war das ein guter Grund, eine Neuauflage auf den Weg zu bringen. Denn viele der Fragen, die das Buch aufwirft, sind für unsere gestalttherapeutische Arbeit bis heute zentral:
Wie verändern traumatische Erfahrungen Wahrnehmung, Körpererleben und Kontakt? Was geschieht mit der Beziehung zu sich selbst und zu anderen? Und was braucht es, damit wieder mehr Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Handlungsspielraum entstehen können?
Die Neuauflage macht einen wichtigen Text wieder zugänglich. Gleichzeitig gibt sie uns Anlass, einige der Themen aufzugreifen, die unsere Arbeit am Institut seit vielen Jahren begleiten.
Trauma aus gestalttherapeutischer Perspektive
Trauma zeigt sich nicht nur als Erinnerung an Vergangenes. Seine Auswirkungen können auch im gegenwärtigen Erleben, im Körper und im Kontakt mit anderen sichtbar werden.
Aus gestalttherapeutischer Perspektive steht dabei nicht allein ein einzelnes Symptom oder das unter Stress geratene Nervensystem im Mittelpunkt, sondern der Mensch in seiner Ganzheit und in seinem Bezug zu seiner Umgebung. Leben nach dem Trauma arbeitet besonders heraus, dass Selbstprozesse immer auch dialogisch und interaktionell geprägt sind – und dass traumatische Erfahrungen die Art und Weise verändern können, wie Menschen sich selbst, andere und ihre Beziehungen erleben.
Rückzug, starke Wachsamkeit, Erstarrung oder ausgeprägte Anpassung lassen sich vor diesem Hintergrund nicht losgelöst vom jeweiligen Lebens- und Beziehungskontext betrachten. Das Buch macht anhand vieler Beispiele deutlich, warum vorschnelles Urteilen dabei zu kurz greift. Für die therapeutische Arbeit bedeutet das, aufmerksam dafür zu sein, wie sich traumatische Erfahrungen im Kontakt, im Körpererleben und in der Beziehung zur Umwelt zeigen.
Gerade bei traumatischen Erfahrungen spielen Beziehung, Kontakt und das richtige Tempo eine wichtige Rolle. Sicherheit, Wahlmöglichkeiten und ein verlässlicher Rahmen können Voraussetzungen dafür sein, dass neue Erfahrungen möglich werden und wieder mehr Selbstwirksamkeit und Handlungsspielraum entstehen.
Auch der Körper gehört wesentlich dazu. Traumatische Erfahrungen können sich beispielsweise in Anspannung, Übererregung, Erstarrung oder einem Gefühl von Abwesenheit zeigen. Die behutsame Wahrnehmung dessen, was im gegenwärtigen Moment geschieht, kann deshalb ein wichtiger Teil der therapeutischen Begleitung sein.
Trauma im sozialen und gesellschaftlichen Kontext
Als international und sozial engagiertes Institut ist uns wichtig, Trauma nicht ausschließlich individuell zu betrachten. Menschen erleben Belastungen immer in einem sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhang. Krieg, Flucht, Verfolgung, rassistische Gewalt sowie kollektive und transgenerationale Erfahrungen können diese Bedingungen tiefgreifend prägen.
Diese Perspektive ist eng mit der Geschichte unseres Instituts verbunden. In unserer Arbeit mit geflüchteten Menschen und insbesondere in der Gestaltweiterbildung für Geflüchtete aus Syrien haben uns Fragen nach Trauma, Beziehung, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit intensiv begleitet. Dieses Engagement reicht bis in die Gründungszeit unseres Instituts zurück, in der auch das Projekt Circle of Peace seinen Anfang nahm.
Viele der Fragen, die uns in diesen Zusammenhängen begegnet sind, finden sich auch in Leben nach dem Trauma: Wie bleiben Kontakt und Beziehung unter extremen Bedingungen möglich? Was unterstützt Menschen darin, wieder Handlungsspielraum und Selbstwirksamkeit zu erleben? Und wie lässt sich individuelles Erleben verstehen, ohne den sozialen und gesellschaftlichen Kontext auszublenden?
Die im Buch beschriebenen Perspektiven sind deshalb auch in unsere eigene gestalttherapeutische Arbeit und in unsere Weiterbildungen eingeflossen.
Warum das Buch heute wieder zugänglich sein sollte
Gerade deshalb erscheint uns Leben nach dem Trauma keineswegs als ein Buch, dessen Bedeutung vor allem in seiner Entstehungszeit liegt.
Der Themenbereich Trauma und insbesondere die Auseinandersetzung mit Kriegstraumatisierung haben leider nichts an Aktualität verloren. Krieg, Flucht und ihre langfristigen Folgen gehören weiterhin zur gesellschaftlichen Realität. Auch die Frage, wie Menschen nach überwältigenden Erfahrungen wieder in Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zu ihrer Umwelt treten können, bleibt zentral.
Für uns war die Neuauflage deshalb mehr als die Wiederveröffentlichung eines vergriffenen Fachbuchs. Sie ist auch eine Möglichkeit, Gedanken wieder zugänglich zu machen, die unsere eigene Arbeit mitgeprägt haben und die wir weiterhin für wichtig halten: den Menschen nicht auf einzelne Symptome oder physiologische Prozesse zu reduzieren, sondern ihn in seiner Ganzheit und in Beziehung zu seiner Umwelt zu betrachten; Selbstprozesse als dialogisch und interaktionell zu verstehen; und therapeutische Begleitung so zu gestalten, dass Kontakt, Beziehung und Selbstwirksamkeit wieder möglich werden können.
Ausblick: Trauma als Schwerpunkt unserer weiteren Arbeit
Die Neuauflage ist zugleich Anlass, die Auseinandersetzung mit Trauma am Institut weiterzuführen.
Für die zweite Jahreshälfte 2027 planen wir eine Weiterbildung mit Schwerpunkt Trauma. Sie richtet sich an Menschen aus unterschiedlichen Berufsgruppen, die mit traumatisierten Personen arbeiten. Die Weiterbildung wird gestalttherapeutische Perspektiven mit Grundlagen der Traumaarbeit, praktischen Übungen und Selbsterfahrung verbinden. Dabei werden auch gesellschaftliche und transgenerationale Dimensionen traumatischer Erfahrungen eine Rolle spielen.
Geleitet wird die Weiterbildung von Gabriele Blankertz und Dr.in Andrea Mucha. Andrea hat ihre Ausbildung bei Willi Butollo absolviert und war über viele Jahre seine Schülerin. Dadurch besteht auch eine unmittelbare fachliche und persönliche Verbindung zu der Arbeit, aus der Leben nach dem Trauma entstanden ist.
Weitere Informationen zur Weiterbildung folgen in den kommenden Monaten.
Mit der Neuauflage möchten wir zunächst das Buch selbst wieder zugänglich machen – als fachliche Grundlage und Anregung für die Praxis, aber auch als Einladung, Trauma aus gestalttherapeutischer Perspektive weiterzudenken: im Blick auf den einzelnen Menschen, auf Beziehung und Kontakt und auf das soziale Feld, in dem Erfahrungen entstehen und Veränderung möglich wird.

