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Freud – Moses

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Freud – Moses

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Barbarischer Monotheismus

»Ein junger Pharao […], der zuerst Amenhotep (IV.) hieß wie sein Vater, später aber seinen Namen [in Echnaton] änderte […] unternahm es, seinen Ägyptern eine neue Religion aufzudrängen […]. Es war ein strenger Monotheismus, der erste Versuch dieser Art in der Weltgeschichte, soweit unsere Kenntnis reicht, und mit dem Glauben an einen einzigen Gott wurde wie unvermeidlich die religiöse Intoleranz geboren, die dem Altertum vorher – und noch lange nachher – fremd geblieben« (Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939), Studienausgabe, Bd. 9, S. 471). Der Religion von Echnaton schreibt Freud »Klarheit, Konsequenz, Schroffheit und Unduldsamkeit« (S. 473) zu. Mose, so rekonstruiert Freud psychoanalytisch, war ein Priester dieser neuen Religion, die von den Nachfolgern Echnatons nur 17 Jahre später wieder aufgelöst wurde. Er suchte sich »ein neues Volk« (S. 478) für seine Religion und fand es in den Juden.

Wenn Freud später den Monotheismus wiederholt als »großen Fortschritt« (S. 534, S. 536, S. 557ff) und den (nichtjüdischen, römischen) Christen nachsagt, sie huldigten »unter einer dünnen Tünche […] einem barbarischen Polytheismus« (S. 539) kann ich das bloß lesen als bittersüße Ironie, wie Freud sie in »Das Unbehagen in der Kultur« (1930) schon angeschlagen hat: Die Kulturentwicklung ist eine wunderbare, segensreiche Erhebung aus der Barbarei, aber sie trägt – »unvermeidlich«! – die Züge einer neuen Barbarei auf einer höheren Stufe der Organisation und Durchdringung aller Alltagsbereiche in sich. Der Islam, dessen Monotheismus unzweifelhaft konsequenter als der des (trinitarischen) Christentums ist und dem des Judentums exakt entspricht, macht in seiner gegenwärtigen politischen Ausprägung aus Freuds Spekulation blutige Realität.

Freud selber meinte mit den »dünn getünchten« Christen allerdings jene, die sich dem nationalsozialistischen Antisemitismus anschlossen. Diese Analogie freilich kann schon darum nicht überzeugen, weil der deutsche Nationalsozialismus (im Gegensatz zum italienischen Faschismus) keine Anleihen an der hellenistischen Kultur machte; und heute eben vor allem von den Islamisten getragen wird, deren Monotheismus klar, konsequent, schroff und unduldsam ist.

Die Renaissance des Hindu-Radikalismus allerdings zeigt: Es ist auch nicht wahr, dass Polytheismus »intrinsisch friedfertig« sei und gleichsam als eine Art Versicherung gegen die religiöse Gewalt und Intoleranz wirkt, wie Rolf Schieder (Sind Religionen gefährlich?, Berlin 2008, 69) meint – und sich dabei ebenfalls auf Freud und Jan Assmann bezieht. Assmann »distanzierte« sich postwendend von sich selber und zugleich von Freud (Monotheismus und Gewalt, 2013, auf: www.perlentaucher.de/essay/monotheismus-und-gewalt.html). Der Atheismus, wenn man ihn denn nicht auch als Religion einstufen will (es wäre dann auch eine Spielart des Monotheismus), bietet eine Gewähr gegen Gewalt ebenso wenig; das beweisen die gewalttätigen Regime des Kommunismus im 20. Jahrhundert.

Wie Freud das Massaker im Gründungsmythos des Monotheismus doppelt negiert

Der Gründungsmythos der abrahamitischen Religionen aus der »Thora«, Buch »Schemot«, griechisch-lateinisch-deutsch »Exodus«; nach Luther »2. Buch Mose«, Kapitel 32, Verse 15 bis 29: »15 Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand; die waren beschrieben auf beiden Seiten. 16 Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. […] 19 Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge und 20 nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab’s den Israeliten zu trinken. […] 25 Als nun Mose sah, dass das Volk zuchtlos geworden war […], 26 trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi. 27 Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. 28 Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann. 29 Da sprach Mose: Füllt heute eure Hände zum Dienst für den HERRN – denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen –, damit euch heute Segen gegeben werde.« (Nach der revidierten Luther-Fassung 1984.)

Bemerkenswert an der Erzählung um das »Goldene Kalb« sind die beiden Punkte:

  1. Es ist erlaubt und darüber hinaus auch geboten, Andersgläubige zu töten.
  2. Die religiös-politische Loyalität steht höher als familiäre oder freundschaftliche Verbundenheit.

Ich sage hier ausdrücklich »religiös-politische« Loyalität. Denn mit der Erzählung um das Goldene Kalb beginnt der Kampf um ideologische Gefolgschaft, für den sich Religion von Anbeginn nur allzu bereitwillig zur Verfügung gestellt hat. Die weitere Geschichte der Verbrechen, die im Namen des Herrn begangen worden sind, setze ich als zumindest in Umrissen bekannt voraus. Worauf mich Richard Dawkins aufmerksam gemacht hat, ist, dass es sich dabei nicht etwa um einen Missbrauch von ansonsten unschuldiger und womöglich menschenfreundlicher Religion handelt, sondern um eine wörtliche Exekution derselben. Ich selbst hatte das verdrängt, obwohl ich mich als kritischen Kopf einschätze. Das Verzeihende, Nachsichtige, Friedfertige, das heute von Gutmenschen gern als gemeinsames Anliegen womöglich aller Religionen deklariert wird, kommt nicht anders als durch ein selektives Lesen zustande. Die bewaffnete Intoleranz kann sich mit gleichem Recht auf die sakralen Texte berufen. Das Kriterium, nach welchem wir das eine als Gut und das andere als Schlecht einstufen, findet sich nicht in den Texten, sondern für das Kriterium haben wir uns außerhalb des Textes entschieden. Auf solche Art wird der Text zu einem Stück Ideologie: Wir suchen in ihm nach Belegstellen, welche die vorab gebildete Meinung untermauern, und blenden aber Stellen aus, die unserer Meinung widersprechen.

Manchmal verschlägt es mir schier die Sprache, wenn ich die Auslegungsgeschichte zu Rate ziehe. Rabbinische Auslegungen heben neben der Schwere der Verfehlung die Größe der Gnade Gottes hervor (vgl. Ex 34, 6-7). Sie drücke sich darin aus, dass Aaron trotz seiner »Sünde« zum Hohenpriester erwählt wurde. – Typisch: Da werden 3.000 Leute niedergemetzelt, der Anführer jedoch nicht nur geschont, sondern auch mit einem hohen Posten belohnt.

Nach Auslegung des christlichen Kirchenvaters Tertullian (160-225) zeigt die Erzählung, dass Gold und Reichtum ebenso wie Tanzen zur Sünde verführen und aus dem Grunde abzulehnen seien. – Typisch: Da werden »die« Reichen summarisch zum Abschuss freigegeben. Und dann ist diese Auslegung angesichts des Textes noch obendrein so absurd: Das Gold spenden die Schmuckbesitzer[innen?], d.h. sie trennen sich freiwillig von ihrem Reichtum, um die gemeinsame Sache, den Kult des goldenen Kalbes, zu unterstützen. Ist das nicht vorbildliche Sozialorientierung des Eigentums? Altruismus?

Die Erzählung um das »Goldene Kalb« hat Sigmund Freud gleich zwei Mal negiert:

1. In »Der Moses des Michelangelo«

In »Der Moses des Michelangelo« (1914) interpretiert Freud die Statue grandios als ein Sinnbild eines retroflektierten Zornes: Mose nehme keine Rache: »Anfänglich, als die Gestalt in Ruhe dasaß, trug sie die Tafeln aufrecht unter dem rechten Arm. […] Moses wendete den Kopf […], und als er die Szene erschaut hatte, machte sich der Fuß zum Aufspringen bereit, die Hand ließ ihren Griff an den Tafeln los und fuhr nach links und oben in den Bart, wie um ihr Ungestüm am eigenen Leibe zu betätigen. Die Tafeln waren nun dem Druck des Armes anvertraut, der sie an die Brustwand pressen sollte. Aber diese Fixierung reichte nicht aus, sie begannen nach vorn und unten zu gleiten, der früher horizontal gehaltene obere Rand richtete sich nach vorn und abwärts, der seiner Stütze beraubte untere Rand näherte sich mit seiner vorderen Spitze dem Steinsitz. Einen Augenblick weiter und die Tafeln hätten […] den Boden erreich[t] und [wären] an ihm zerschell[t]. Um dies zu verhüten, fährt die rechte Hand zurück, und entlässt den Bart, von dem ein Teil ohne Absicht mitgezogen wird, erreicht noch den Rand der Tafeln und stützt sie nahe ihrer hinteren, jetzt zur obersten gewordenen Ecke. So leitet sich das sonderbar gezwungen scheinende Ensemble von Bart, Hand und auf die Spitze gestelltem Tafelpaar aus der einen leidenschaftlichen Bewegung der Hand und deren gut begründeten Folgen ab. | [Der Moses des Michelangelo] wollte es in einem Anfall von Zorn, aufspringen, Rache nehmen […], aber er hat die Versuchung überwunden, er wird jetzt so sitzen bleiben in gebändigter Wut, in mit Verachtung gemischtem Schmerz. […] [Michelangelo] hat das Motiv der zerbrochenen Gesetzestafeln umgearbeitet, er lässt sie nicht durch den Zorn Moses’ zerbrechen, sondern diesen Zorn durch die Drohung, dass sie zerbrechen könnten, beschwichtigen oder wenigstens auf dem Wege zur Handlung hemmen […] – nicht ohne Vorwurf gegen den Verstorbenen [Papst Julius II, für dessen Grab die Statue geschaffen wurde], zur Mahnung für sich selbst, sich mit dieser Kritik über die eigene Natur erhebend.« (Studienausgabe, Band X, Seite 211f | 217.) Klar ist, dass für Freud die biblische Geschichte schlicht unannehmbar ist, und er dieses sein Gefühl der Abscheu in Michelangelos Darstellung hineinprojiziert.

Damit wird die Statue zum Sinnbild dessen, was ich für das Zentrum der Toleranz (und der Schwierigkeit, sie zu üben) halte: Es geht ja nicht darum, das zu respektieren oder zu dulden, was mir gefällt oder was mir gleichgültig ist (da braucht man gar nicht von »Duldung« zu sprechen), sondern in gebändigter Wut, in mit Verachtung gemischtem Schmerz sich über die

eigene Natur erhebend das zu erdulden, was mir im höchsten Maße zuwider ist, was meinen tief eingewurzelten Werten und höchsten Wahrheiten widerspricht.

Danke, Sigmund, für diesen Michelangelo.

Ilse Grubrich-Simitis (Michelangelos Moses und Freuds Wagstück, Frankfurt/M. 2004) präsentiert eine kunsthistorische Widerlegung von Freuds Interpretation des Moses von Michelangelo: Es sei nicht der Mose vor dem Goldenen Kalb dargestellt (erste und dann zerbrochene Gesetzestafeln), sondern der Mose, nachdem er die Gesetzestafeln ein zweites Mal erhalten habe – und die Weissagung seines Todes: Er wird das Volk Israel nicht ins Gelobte Land führen. (Diese Widerlegung berührt nicht, dass Freud Toleranz als Retroflektion beschreibt bzw. die Fähigkeit, retroflektieren zu können, als Vorbedingung von Toleranz.) Aber: Wenn Freuds Deutung richtig ist, dann fällt das Zerbrechen der Gesetzestafeln (und das Massaker an den Verehrern des Goldenen Kalbs) aus: Ein zweites Mal gäb’s nicht. Insofern wäre es folgerichtig, wenn die Mose-Darstellung ikonografische Elemente integriert, die üblicherweise erst das zweite Mal des Erhalts der Gesetzestafeln begleiten (Hörner bzw. Strahlen am Kopf, Decke zum Verhüllen des Gesichts).

2. In »Der Mann Moses«

In »Der Mann Moses und der Monotheismus« (1939) ergibt die Anwendung der »psychoanalytischen Methode« auf das Textverständnis, dass nicht Mose die Kalb-Anhänger töten lässt, sondern die Kalb-Anhänger an Mose Vatermord begehen. Die überlieferte Erzählung sei die symbolische Rache der später zu erneuter Herrschaft gelangten Mose-Religion. Bezogen auf die Toleranzfrage ist mit dieser Interpretation allerdings kaum etwas gewonnen: Die Erzählung wirkt(e) so, wie sie nun mal lautet. Doch eins wird nocheinmal klar: Für Freud stellt die Erzählung um das »Goldene Kalb« ein Problem dar. Zu Recht.

Günter Schulte leitet aus Freuds »Moses« in den Vorlesungen »Philosophie der Religion« (Universität Köln WS 2002/2003) die Formel ab »Antisemitismus ist Antimonotheismus und damit Antiintellektualismus« (www.guenter-schulte.de/materialien/philoreligion/philoreligion_09.html) und beruft sich dabei auf Jan Assmann (Der Fortschritt in der Geistigkeit: Sigmund Freuds Konstruktion des Judentums, in: Psyche, Februar 2002). Da hat jemand die griechische Antike und ihre Bedeutung für Freud verdrängt. Dass Freud Antimonotheismus und Antiintellektualismus zusammen gedacht und den Antimonotheismus schlechthin als barbarisch bezeichnet haben kann, halte ich für ausgeschlossen. So geschichtsvergessen wird er nie im Leben gewesen sein.

Die immer noch provozierende Botschaft von Freuds Mose-Studien

  1. Der »Tagtraum« von Freuds Moses-Studie (so die Kennzeichnung durch die Psychoanalytikerin und Lektorin der »Studienausgabe« Ilse Grubrich-Simitis in ihrem »biographischen Essay« [1994], Frankfurt/M. 2009) wird meist mit spitzen Fingern angefasst, oft schlicht übergangen oder, wie bei Ilse Grubrich-Simitis, auf Freuds Biografie zurückbezogen. Zu kühn und unbeweisbar scheinen die Spekulationen von Freud. Dabei wird übersehen, dass sowohl unter Historikern als auch unter Alttestamentlern es üblich ist, mit Annahmen über die Handlungsmotivation von Menschen zu operieren und die jeweils fehlenden Informationen zu ergänzen oder die Überlieferung auf Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen. Diese Annahmen lauten inhaltlich, dass Handlungsmotivation im Wesentlich auf Machterwerb und Machterhalt zielt, und formal, dass Entscheidungen bewusst und rational getroffen werden. Sie sind in hohem Maße unrealistisch, weil sie die Ebene des Unbewussten völlig ausblenden. Wenn etwa die Geschichte von Isaaks »Bindung« nicht mehr als Glaubensprüfung durchgeht, die verlangt, bereit zu sein, für Gott das eigene Kind zu opfern, sondern zum grandiosen Fanal gegen Menschenopfer uminterpretiert wird, so steht die ganze Wirkungsgeschichte dieser Interpretation entgegen. Der Autor der Geschichte, wer immer es sei, erweist sich als unfähig, die Geschichte so zu erzählen, dass man sie wohlversteht. Sollte nicht in Erwägung gezogen werden, in die Geschichte die unbewusst ambivalente Haltung zum geliebten Kind eingeschrieben zu finden?
  2. Dass Mose ein Ägypter war, wird heute ebenso wie zu Freuds Zeiten durchaus noch diskutiert und für wahrscheinlich gehalten. Diese Aussage war damals provozierender als heute. Die Aussage Freuds, um die nach wie vor ein weiter Bogen geschlagen wird, ist die Umdeutung, das Massaker um das Goldene Kalb habe nicht stattgefunden, sondern stattdessen der Vatermord an Mose. Zu kühn, zu spekulativ scheint diese psychoanalytische Rekonstruktion. Allerdings unterzieht man heute bei Figuren wie Caligula und Nero das Dämonisch-Böse oder Konstantin dem Großen das Gute einer Dekonstruktion, für die die Beweise kaum solider sind, aber eben auf der Annahme von bewusster, rationaler Entscheidung der damals Handelnden basieren. An solchen Stellen rächt sich, dass Geschichts- und Bibelwissenschaft sich resistent gegen jede psychologische Aufklärung gezeigt haben.
  3. Was ist mit Freuds Mose, wenn man mit Jan Assmann davon ausgeht, dass Mose gar keine geschichtliche, sondern eine ausschließlich literarische Existenz hat? Unzweifelhaft ging Freud selber von einer geschichtlichen Existenz des Moses aus. Ist, wenn diese hinfällig wäre, die Interpretation von Freud damit nicht auch hinfällig? Im Gegenteil. Sie müsste dann bloß als psychoanalytische Deutung eines Mythos gelesen werden und die schwierig zu beantwortende Frage danach entfiele, ob sie mit der geschichtlichen Wirklichkeit übereinstimme.
  4. Die nach wie vor brisante Aussage sowohl in »Der Mann Mose« und »Der Moses des Michelangelos« liegt darin, dass Freud das Massaker im Gründungsmythos des Monotheismus negiert. Dass es nicht Recht sei, Andersgläubige im Namen des eigenen Gottes zu töten, ist zwar Bestandteil der durch die Aufklärung gegangenen modernen Ethik. Mit ihr wurde die Geschichte um das Goldene Kalb moralisch unerträglich. Dennoch geht Freud weit darüber hinaus. Denn die Geschichte um das Goldene Kalb ist nicht nur ein religiöser Gründungsmythos. Mit der Setzung, dass ideologische Loyalität höher stehe als verwandtschaftliche Solidarität und dass im Namen der ideologischen Loyalität Mutter und Vater, Sohn und Tochter sowie Geschwister getötet werden dürfen und müssen, beginnt der Jahrtausende lange Kampf des Staatsprinzips gegen die verwandtschaftliche Solidarität. Nicht bloß moderne Ethik steht hinter Freuds Negierung des Massakers im Gründungsmythos des Monotheismus, sondern auch ein Rückgriff auf die Ethik der Uranarchie. Damit bedroht Freuds Aufklärung nicht mehr nur die Religion, vielmehr darüber hinaus den modernen Staat.

Hinweis

Diese Serie von Blogs ist eingeflossen in das Buch Stefan Blankertz, Die Geburt der Gestalttherapie aus dem Geiste der Psychoanalyse Siegmund Freuds (ISBN 978-3-7392-4835-6).

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